Die Psychologin liest: Osten Ard - Der Abschiedsstein von Tad Williams
Wenn selbst Unsterbliche nicht loslassen können
Spoilerwarnung: Diese Rezension enthält deutliche Spoiler zu Der Abschiedsstein und Der Drachenbeinthron.
Einordnung ins Genre und in die Romanreihe
Mit "Der Abschiedsstein" löst sich Osten Ard für mich deutlicher von den Tolkien-Parallelen, die im ersten Band noch sehr präsent waren. Natürlich bewegt sich Tad Williams weiterhin innerhalb klassischer High Fantasy. Wir begegnen einem jungen Helden, alten Völkern, magischen Schwertern, einem zurückkehrenden Feind und einer Welt, in der längst vergangene Ereignisse bis tief in die Gegenwart hineinreichen. Im zweiten Band beginnt Williams allerdings, viele dieser vertrauten Motive zu hinterfragen und ihnen ihre moralische Eindeutigkeit zu nehmen. Das zeigt sich besonders an den Sithi, die zunächst sehr leicht als die guten Elben dieser Welt gelesen werden können, deren Vergangenheit aber alles andere als makellos ist. Gleichzeitig kehrt mit Camaris ein legendärer Ritter zurück, der mit dem strahlenden Helden aus den Erzählungen kaum noch etwas gemeinsam hat. Miriamel versucht, sich aus den Entscheidungen der Männer um sie herum zu lösen und gerät gerade bei diesem Versuch in neue Abhängigkeiten. Simon wiederum wird älter und sammelt erste sexuelle Erfahrungen, die Williams keineswegs durchgehend romantisch erzählt. Für mich ist "Der Abschiedsstein" deshalb der Band, in dem Osten Ard deutlich mehr Eigenständigkeit entwickelt und sich die zunächst recht vertrauten Strukturen zunehmend als komplizierter erweisen.
Plot, Pacing und Spannung
Williams erzählt weiterhin langsam, teilweise sogar sehr langsam. Seine Figuren reisen über lange Strecken, warten, frieren, führen Gespräche und beschäftigen sich mit Erinnerungen. Über viele Seiten passiert äußerlich wenig. Im Gegensatz zum ersten Band hat mich dieses Tempo diesmal weniger gestört, weil der Umgang mit Zeit selbst zu einem wichtigen Motiv der Geschichte wird. Besonders deutlich zeigt sich das während Simons Aufenthalt bei den Sithi in Jao é-Tinukai'i. Für ein nahezu unsterbliches Volk besitzen einige Wochen oder Monate kaum dieselbe Bedeutung wie für einen Menschen. Entscheidungen müssen nicht sofort getroffen werden, Tage dürfen ineinanderfließen und Beschäftigungen können daraus bestehen, ein Spiel zu spielen oder den Grillen zuzuhören. Simon erlebt diese Form der Existenz allerdings zunehmend als quälend. Da ich ihn weiterhin sehr ADHS-nah lese, funktioniert dieser Aufenthalt für mich auch psychologisch gut. Simon braucht Bewegung, Aufgaben, Abwechslung und neue Reize. Ausgerechnet bei den Sithi bekommt er einen wunderschönen und sicheren Ort, an dem ihm genau das fehlt. Dadurch stellt Williams nebenbei eine Frage, die mich weit mehr beschäftigt hat als die reine Faszination für ein unsterbliches Volk: Was passiert mit einer Kultur, wenn Zeit nahezu unbegrenzt vorhanden ist? Die Sithi wirken dadurch nicht nur weise und erhaben. In ihrer Langlebigkeit liegt auch etwas Müdes und Rückwärtsgewandtes. Entscheidungen verlieren ihre Dringlichkeit und Erinnerung nimmt enorm viel Raum ein. Ausgerechnet Ineluki besitzt etwas, das vielen anderen Sithi fehlt: Er hat ein Ziel und verfolgt es mit Konsequenz. Nur besteht dieser Antrieb aus jahrhundertelang konservierter Rache.
Worldbuilding: Die Sithi verlieren ihren Heiligenschein
Einer der vielschichtigsten Aspekte des zweiten Bandes ist für mich die zunehmende moralische Ambivalenz der Sithi. Im Drachenbeinthron lassen sie sich noch recht bequem als die guten Elben dieser Welt lesen. Gerade Jiriki unterstützt diesen Eindruck, weil er Simon gegenüber loyal, respektvoll und erstaunlich offen auftritt. Im Abschiedsstein wird jedoch immer deutlicher, dass die moralische Integrität einer einzelnen Figur wenig darüber aussagt, wie die Geschichte ihrer gesamten Kultur aussieht.
Vor allem die Geschichte der Tinukeda'ya verändert diesen Blick erheblich. Sie lebten bereits gemeinsam mit den Kindern des Gartens in deren ursprünglicher Heimat und bauten unter anderem jene Schiffe, mit denen beide Gruppen schließlich nach Osten Ard gelangten. Trotzdem entwickelte sich zwischen ihnen keine Gemeinschaft auf Augenhöhe. Die Kinder des Gartens unterwarfen die Tinukeda'ya, nutzten ihre Arbeitskraft und behielten entscheidendes Wissen für sich. Besonders bitter wird das beim Geheimnis der extremen Langlebigkeit. Die Keida'ya verfügen über das Wissen um das Hexenholz und das daraus gewonnene Mittel, das ihre Lebensspanne enorm verlängert. Den Tinukeda'ya wurde dieses Wissen vorenthalten. Damit wird selbst Lebenszeit zu einem Privileg der herrschenden Gruppe und zu einem Ausdruck des Machtgefälles zwischen beiden Völkern. Gleichzeitig kennen wir die Sithi als Opfer menschlicher Vertreibung und Gewalt. Williams nimmt ihnen diese Opfergeschichte nicht, ergänzt sie aber um eine Vergangenheit, in der sie selbst auf der anderen Seite eines Unterdrückungsverhältnisses standen. Täter:innen und Opfer lassen sich damit nicht sauber auf unterschiedliche Völker verteilen. Gerade diese Ambivalenz macht die Sithi für mich wesentlich faszinierender als eine weitere Variation von Tolkiens Elben.
Psychologie: Wenn Jahrhunderte nichts heilen
Die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit zieht sich für mich durch erstaunlich viele Aspekte dieses Bandes. Bei den Sithi führt die extreme Langlebigkeit teilweise zu Passivität, Rückwärtsgewandtheit und einer intensiven Beschäftigung mit Erinnerungen. Vergangenheit liegt bei ihnen nicht nur wenige Jahrzehnte zurück. Manche Figuren haben selbst erlebt, was für Menschen längst Mythos und Geschichtsschreibung geworden ist.
Ineluki reagiert auf diese lange Lebensperspektive scheinbar völlig anders und landet psychologisch trotzdem an einem ähnlichen Ort. Er handelt, besitzt Elan und verfolgt ein klares Ziel, entwickelt sich innerlich aber ebenfalls nicht weiter. Seine Existenz als Sturmkönig kreist weiterhin um den Verlust von Asu'a, seine Kränkung und seinen Hass auf die Menschen. Die Jahrhunderte haben seine Wunde nicht geheilt, sondern konserviert und schließlich zum Mittelpunkt seiner Identität gemacht. Bei den Nornen bekommt diese Fixierung auf Schmerz noch einmal eine andere Qualität. Leiden, Verlust und Tod scheinen beinahe Teil ihres kulturellen Selbstverständnisses geworden zu sein. Gleichzeitig hängt gerade Utuk'ku selbst vehement an ihrer Existenz. Diese Widersprüchlichkeit finde ich spannend, denn Williams verbindet Langlebigkeit nicht automatisch mit Weisheit oder innerer Gelassenheit. Wer Jahrhunderte lebt, hat eben auch Jahrhunderte Zeit, sich in derselben Kränkung einzurichten.
Simon und das Coming-of-Age
Simon wird in diesem Band spürbar älter, ohne dass Williams ihn von einem Kapitel auf das nächste plötzlich wie einen Erwachsenen darstellen würde. Seine Unsicherheit, seine Impulsivität und sein manchmal ziemlich jugendlicher Blick auf die Welt bleiben erhalten, gleichzeitig kommen Erfahrungen hinzu, die seine bisherige Wahrnehmung verändern. Dazu gehört auch Sexualität. Aditu, Jirikis Schwester, begegnet ihm mit einer körperlichen Selbstverständlichkeit, die Simon gleichzeitig anzieht und vollkommen überfordert. Seine Reaktionen auf sie bewegen sich glaubwürdig zwischen Begehren, Verlegenheit und dem Versuch, irgendwie souveräner zu wirken als er ist. Aditu selbst finde ich dabei feministisch ambivalent. Einerseits besitzt sie eine sexuelle Selbstbestimmung, die den menschlichen Frauen der Geschichte bislang selten zugestanden wird. Sie wartet nicht darauf, ausgewählt zu werden, sondern entscheidet selbst, wem sie sich nähert und wie weit diese Nähe geht. Gleichzeitig trägt sie Züge eines alten Fantasy-Rollenbildes, nämlich der exotischen Verführerin. Ausgerechnet die kulturell fremde Frau darf freier mit Sexualität umgehen und ihre Fremdartigkeit wird eng mit ihrer erotischen Attraktivität verbunden. Dadurch entsteht eine knisternde Spannung. Aditu erhält mehr sexuellen Handlungsspielraum als viele menschliche Frauenfiguren, bleibt dabei aber zugleich Projektionsfläche für eine Fantasie über die fremde, freiere Frau. Sehr viel düsterer wird Simons sexuelle Entwicklung in der Begegnung mit Skodi. Ihre Gemeinschaft aus Kindern funktioniert für mich wie eine Sekte, in deren Zentrum sie gleichzeitig als Mutterfigur und absolute Autorität steht. Die Kinder sind sozial isoliert und emotional vollständig auf diese Gemeinschaft ausgerichtet. Spätestens mit den menschlichen Schädeln wird deutlich, dass hinter dieser vermeintlichen Ersatzfamilie massive Gewalt steht. Williams erklärt nicht im Detail, wer wen getötet hat, doch die Implikation, dass die Eltern dieser Kinder nicht nur verschwunden sind, ist kaum zu übersehen. Dadurch werden die Kinder selbst zu ambivalenten Figuren. Sofern sie an den Tötungen beteiligt waren, sind sie Täter:innen innerhalb eines Systems, dessen Opfer sie gleichzeitig sind. Noch unangenehmer ist Skodis Umgang mit Simon. Ihre körperliche Annäherung ist deutlich sexualisiert und grenzverletzend, während sie ihn gleichzeitig übernatürlich kontrolliert. Freie Zustimmung existiert unter diesen Bedingungen nicht. Ich würde trotzdem zwischen einem sexualisierten Übergriff und einem explizit dargestellten sexuellen Missbrauch unterscheiden, weil Williams Letzteren nicht eindeutig beschreibt. Psychologisch gehört die sexualisierte Annäherung jedoch zur gesamten Machtstruktur dieser Figur. Skodi beansprucht nicht nur Simons Aufmerksamkeit und Loyalität, sondern schließlich auch die Kontrolle über seinen Körper und seinen Willen. Für mich gehört dieses Kapitel zu den verstörendsten Passagen des Bandes.
Miriamel und weibliche Selbstbestimmung
Auch bei Miriamel wird das Coming-of-Age mit Sexualität verbunden, allerdings unter völlig anderen Bedingungen. Sie versucht zunehmend, selbst über ihr Leben zu bestimmen und sich den Entscheidungen zu entziehen, die andere Menschen, vor allem Männer, über sie treffen. Gerade dabei gerät sie jedoch immer wieder in Situationen, in denen ihre Handlungsmöglichkeiten erneut eingeschränkt werden. Ihre Beziehung zu Aspitis ist dafür ein gutes Beispiel. Aus ihrer Schwärmerei wird schließlich Sex, allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem Miriamel emotional verletzlich und weitgehend isoliert ist. Aspitis ist älter, erfahrener und besitzt innerhalb der Situation deutlich mehr soziale Macht. Besonders aufschlussreich wird die Dynamik, sobald Miriamel ihm widerspricht und Cadrach schützen will. Der charmante Beschützer reagiert plötzlich wesentlich kontrollierender. Ihre erste sexuelle Erfahrung wird damit nicht zu einer romantischen Befreiungsgeschichte. Miriamel versucht, ihre eigene Entscheidung zu treffen, landet aber erneut in einem Verhältnis, in dem ein Mann erheblichen Einfluss auf ihre Situation besitzt. Gerade diese Widersprüchlichkeit passt zu ihrer bisherigen Entwicklung. Trotzdem bleibt sie für mich weiterhin stärker in traditionellen weiblichen Rollenmustern verhaftet, als ich es mir bei einer der zentralen Figuren der Reihe wünschen würde.
Maegwin: Zwischen patriarchaler Begrenzung und Selbstmitleid
Maegwin erinnert mich weiterhin deutlich an Éowyn, Williams führt ihre Entwicklung jedoch in eine andere Richtung. Besonders aufschlussreich fand ich ihre Auseinandersetzung mit Eolair. In dem Moment, in dem Maegwin tatsächlich die Autorität beansprucht, die ihr formal zusteht, reagiert er nicht darauf, als hätte eine gleichberechtigte Herrscherin eine Entscheidung getroffen. Stattdessen behandelt er sie wie ein unvernünftiges Kind und möchte die Angelegenheit lieber mit anderen Männern besprechen. Maegwin lässt sich in dieser Situation allerdings nicht kleinhalten. Sie erinnert ihn ausdrücklich daran, dass er ihr verpflichtet ist und ihre Entscheidung zu akzeptieren hat. Eolair gehorcht schließlich, verbindet diesen Gehorsam aber mit dem Hinweis, dass darin dann wenig Liebe liegen werde. Gerade diese Reaktion finde ich unter feministischen Gesichtspunkten bemerkenswert. Seine Zuneigung funktioniert problemlos, solange Maegwin innerhalb einer Rolle bleibt, in der ihre Entscheidungen für ihn akzeptabel sind. Sobald sie ihre tatsächliche Autorität gegen seinen Willen einsetzt, wird emotionale Nähe zum Druckmittel. Trotzdem möchte ich Maegwin nicht ausschließlich als Opfer patriarchaler Strukturen lesen. Sie neigt zunehmend dazu, sich in ihrem eigenen Leid einzurichten und ihre Situation durch Selbstmitleid noch stärker als ausweglos zu erleben. Reale strukturelle Begrenzung und eine immer passivere Opferposition stehen bei ihr nebeneinander. Gerade weil Williams beides zulässt, finde ich ihre Entwicklung vielversprechender, als wenn ihre Probleme ausschließlich von außen verursacht würden.
Rachel, Gutwulf und Camaris
Auch einige Nebenfiguren bekommen im zweiten Band psychologisch überraschende Entwicklungen. Rachel reagiert auf den zunehmenden Zerfall des Hochhorsts mit genau dem Verhalten, das ihr schon immer Sicherheit gegeben hat: Sie arbeitet, organisiert und hält an Routinen fest. Fürsorge zeigt sie kaum über große emotionale Gesten. Sie besteht bei ihr aus Essen, Arbeit und dem Wissen, wo jemand hingehört. Der Hochhorst ist damit weit mehr als ihr Arbeitsplatz. Er ist ihr psychisches Koordinatensystem, und während dieses System zerfällt, versucht Rachel, wenigstens seine alltäglichen Strukturen aufrechtzuerhalten.
Gutwulf reagiert auf denselben Zerfall völlig anders. Seine Loyalität gegenüber Elias wird zunehmend zur moralischen Falle, denn je offensichtlicher die Vorgänge um ihn herum werden, desto schwerer wird es für ihn, seine eigene Beteiligung anzuerkennen. Hier wird gut mit dem Konzept der Moral Injury, der moralischen Verletzung, gearbeitet. Gutwulf muss nicht nur ertragen, was geschieht, sondern auch, dass er selbst Teil eines Systems geworden ist, das seinen moralischen Vorstellungen widerspricht. Seine Erblindung ist dabei beinahe demonstrativ symbolisch. Ein Mann, der lange nicht sehen wollte, verliert tatsächlich sein Augenlicht und damit gleichzeitig einen wesentlichen Teil seiner bisherigen Identität als Krieger.
Mit Camaris kehrt schließlich eine Figur zurück, deren gegenwärtiger Zustand kaum weiter von ihrer Legende entfernt sein könnte. Statt eines strahlenden Helden begegnen wir einem desorientierten alten Mann mit erheblichen Erinnerungslücken und einem beschädigten Selbstbild. Ich lese seinen Zustand weniger als reine Amnesie und stärker als Verbindung aus Trauma, Identitätsverlust und kognitiver Desorganisation. Williams nimmt damit erneut einen klassischen Fantasy-Archetyp auseinander. Spannend wird nicht nur die Frage, ob der große Held zurückkehrt, sondern was von diesem Helden überhaupt noch übrig ist, wenn Erinnerung, gesellschaftliche Rolle und das eigene Selbstbild nicht mehr zusammenpassen.
Amerasu und das Ende
Am Ende redet Amerasu sehr viel. Der Informationsschwall ist enorm, aber Williams braucht ihn, um unser bisheriges Verständnis der Geschichte neu zu ordnen. Ineluki ist nicht nur der abstrakte Sturmkönig, der irgendwann aus der Vergangenheit zurückkehrt. Er ist Amerasus Sohn und Utuk'kus Enkel, wodurch aus dem großen historischen Konflikt gleichzeitig eine jahrtausendealte Familiengeschichte wird. Amerasu nimmt innerhalb dieser Familie eine herausragende Position ein, weil sie die Fehler ihres eigenen Volkes zumindest teilweise erkennt und Vergangenheit nicht ausschließlich als Rechtfertigung für weitere Gewalt benutzt. Damit steht sie sowohl ihrem Sohn als auch ihrer Mutter gegenüber, die alte Verletzungen nicht loslassen, sondern ihre Identität gerade aus ihnen beziehen. Dann wird Amerasu getötet, bevor sie ihre entscheidenden Erkenntnisse vollständig weitergeben kann. Dramaturgisch funktioniert das, weil Williams damit verhindert, dass wir am Ende des zweiten Bandes bereits sämtliche Antworten besitzen. Ein wenig bequem bleibt es trotzdem: Die Figur, die gerade dabei ist, jahrtausendealte Geheimnisse zu erklären, stirbt exakt in dem Moment, in dem sie zu viel weiß und zu viel erzählen könnte.
Stil und Sprache
Sprachlich bleibt Williams ausgesprochen bildlich und detailliert. Landschaften, Orte und Wetter sind keine knappen Kulissen, sondern bekommen Zeit und Raum, sodass man häufig sehr genau weiß, wie ein Ort aussieht und welche Atmosphäre dort herrscht. Diese Ausführlichkeit trägt natürlich zum langsamen Pacing bei, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass Osten Ard für mich immer stärker als tatsächliche Welt funktioniert und nicht nur als Hintergrund für die Handlung. Clever finde ich außerdem, wie Williams mit Andeutungen arbeitet. Gerade bei Skodis sexualisierter Grenzüberschreitung, den Schädeln, verschiedenen Gewalterfahrungen und auch sexuellen Begegnungen erklärt er nicht jeden Vorgang vollständig. Trotzdem sind die Hinweise konkret genug, dass man versteht, was geschehen ist und sich ein eigenes Bild davon machen kann. Das gefällt mir deutlich besser als eine künstliche Vagheit, bei der relevante Ereignisse derart verklausuliert erzählt werden, dass am Ende kaum noch erkennbar ist, was überhaupt passiert ist.
Feministische Einordnung
Unter feministischen Gesichtspunkten bietet Der Abschiedsstein für mich deutlich mehr Ansatzpunkte als der erste Band, auch wenn ich ihn deshalb noch lange nicht als feministischen Roman bezeichnen würde. Miriamel und Maegwin versuchen auf unterschiedliche Weise, eigene Handlungsmacht zu gewinnen und erleben dabei sehr unmittelbar, wie schnell Männer ihre Entscheidungen relativieren, kontrollieren oder nicht ernst nehmen. Rachel besitzt durchaus Autorität, allerdings innerhalb einer häuslich codierten Sphäre. Aditu verfügt über sexuelle Selbstbestimmung, trägt gleichzeitig aber das problematische Rollenbild der exotischen Verführerin. Mit Skodi bekommen wir wiederum eine weibliche Täterfigur, deren Macht ebenfalls auffällig über Mutterschaft und Sexualisierung erzählt wird.
Williams schreibt seine Frauenfiguren damit widersprüchlicher, als es zunächst den Eindruck macht. Trotzdem bleibt auffällig, wie häufig weibliche Handlungsmacht an Sexualität, Beziehungen und Fürsorge gebunden ist, während Männer politische und militärische Räume wesentlich selbstverständlicher besetzen dürfen. Gerade Miriamel zeigt, wie schwer es für eine Frau in dieser Welt ist, eine eigene Entscheidung zu treffen, ohne unmittelbar wieder in ein männliches Machtverhältnis zu geraten. Gleichzeitig beginnt Williams sichtbar, an diesen Strukturen zu rütteln und seinen Frauenfiguren mehr Widersprüche zuzugestehen.
Fazit
Der Abschiedsstein hat für mich vieles eingelöst, was Der Drachenbeinthron vorbereitet hat, und Osten Ard wird dabei historisch schmutziger und psychologisch wesentlich vielfältiger. Die Sithi verlieren ihren Heiligenschein, Figuren können gleichzeitig Opfer und Täter:innen sein und Sexualität gehört zum Erwachsenwerden, ohne deshalb automatisch romantisch erzählt zu werden. Hinter dem großen Kampf gegen den Sturmkönig zeichnet sich zunehmend eine Geschichte über Menschen und Völker ab, die ihre alten Verletzungen nicht loslassen können und sie teilweise über Jahrhunderte zum Bestandteil ihrer Identität machen.
Das langsame Pacing bleibt und Amerasus Informationsschwall am Ende ist ordentlich. Manche Figuren suhlen sich außerdem derart ausdauernd in ihrem Leid, dass ich ihnen irgendwann gern einen festen Termin zur Selbstreflexion gegeben hätte. Trotzdem hat mich gerade die Langsamkeit diesmal stärker überzeugt, weil sie zu einer Welt passt, in der Vergangenheit nie vollständig vergangen ist. Bei manchen Figuren liegen die entscheidenden Verletzungen wenige Jahre zurück, bei anderen Jahrtausende, und trotzdem bestimmen sie weiterhin, wie diese Figuren lieben, handeln und hassen.
Ich vergebe 5 von 5 Schwertern, denn für mich ist "Der Abschiedsstein" damit nicht nur die konsequente Fortsetzung des ersten Bandes, sondern der Roman, in dem ich verstanden habe, warum Osten Ard bis heute einen solchen Stellenwert innerhalb der High Fantasy besitzt.
Weiterlesen in Osten Ard: Wer mehr über die Figuren, Konflikte und Machtstrukturen erfahren möchte, findet hier auch meine Rezension zu
→ Band 1: Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Tad Williams
Im zweiten Band der Osten-Ard-Reihe wird Simons Reise noch größer und gefährlicher: Während sich die Bedrohung durch die Nornen zuspitzt, geraten die Figuren zunehmend zwischen politische Konflikte und uralte Geheimnisse. Tad Williams verbindet epische Fantasy mit vielschichtigen Figuren, persönlichen Verlusten und einer Welt, deren Geschichte weit in die Vergangenheit reicht.
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